Lena… Champagner, der eigentlich Rotkäppchen war

Meine Liebe Sophie,
Seit meinem letzten Brief ist nun einige Zeit vergangen. Ich frage mich, woran es liegt, dass eine Tätigkeit, die mir doch so viel Freude bereitet, so selten von mir ausgeführt wird.
Erst einmal liegt es wohl daran, dass ich faul bin und selten zur Ruhe komme. Diese Zeilen hier verfasse ich nicht etwa an meinem schönen Schreibtisch an einem Sonntag Abend, sondern Montag um halb neun in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit.
Bis ich Aussteigen muss bleiben mir 20 Minuten, um dir zu erzählen, was der eigentliche Grund ist, warum ich mich jetzt erst bei dir melde. Mir war klar, wenn ich etwas aufschreibe, dann muss es um die Nacht vom 27. August gehen und das konnte ich bis jetzt nicht aufschreiben.
Wie du weißt, hatte ich am 27. August Geburtstag. Es war ein Freitag und ich war schlecht gelaunt, weil es regnete, ich schweren Husten hatte und mein Umzug bevorstand. Boris war beruflich verreist und mit ihm hätte ich den Tag am liebsten verbracht.
So tat ich, als wäre ich glücklich über all die Gäste, und lächelte zwischen meinen erbärmlichen Hustenanfällen.
Mit ein wenig Wodka und paar Gläsern Champagner, der eigentlich Rotkäppchen war, kam ich jedoch allmählich in meine erwünschte Jubiläumslaune.
Der Abend war schön und wild. Dann geschah etwas, worüber ich Monate lang mit niemandem sprechen konnte.
Ich wollte an besagtem Abend auf keinen Fall allein nach Hause gehen und das hätte ich einfach tun sollen, denn dann hätte ich heute ein anderes Gefühl mit mir selbst, zu Fremden, zu Freunden, zu allem.
Ich fragte A. ob er bei mir übernachten würde. Ich wollte, dass ein langjähriger Freund neben mir wacht und ich wollte einfach nicht allein sein.
Aber anstatt mich zu beschützen brach er bei mir ein. Er durchwühlte alles, meine Erinnerungen, meine Kleidung, mein warmes Zuhause. Er beschmutzte es. Es war nicht mehr meins. Mein Nachthemd gehörte mir nicht mehr. Meine Haare gehörten mir nicht mehr, meine Haut, meine
Lippen, meine Schenkel, meine Weiblichkeit.
Ich schätze ich muss nicht allzu ausführlich werden, denn du wirst leider verstehen, was ich meine.
Aber ich sage es trotzdem, weil ich will, dass es aufgeschrieben ist. Er küsste mich und das wollte ich nicht. Seine Hände glitten in meinen Schritt und das wollte ich nicht. Ich stieß sie von mir fort.

Er tat es erneut und seine Finger drangen in mich ein.

Mehrmals.

Und ich wollte es nicht.
Er klaute mir ein Gefühl, was ich mein Leben lang hatte und was ich erst benennen kann, seit dem ich es nicht mehr in mir trage:

Mir wird nichts passieren.


Etwas änderte sich. Boris stieß ich in der Nacht von mir weg.
Andere Männer durften mich nicht berühren. Ich kann nicht mehr darauf vertrauen, dass sie meine Grenzen kennen.
Denn durch den Einbruch von A. haben sie sich geändert.
Ich bin wütend, dass mich meine Freunde nicht mehr umarmen können, ohne, dass ich daran denken muss. Ich bin sauer, dass ich ihnen nicht mehr vertrauen kann. Und ich bin sauer, dass fast alle Frauen, die ich kenne, ähnliches erlebt haben. Aber ich bin froh, dass ich jetzt weiß, wie ich mich heilen kann. Seit dem ich den Bann des Schweigens gebrochen habe, erzähle ich nun immer alles. Wenn mich ein Mann im Club fragt, warum ich nicht lächle, dann sage ich: „Ich habe gerade meine Tage bekommen, das Blut tritt schwellartig aus mir heraus, am liebsten würde ich mich
auf den Boden legen, aber das geht eben nicht, weil Samstag ist und ich tanzen will“.
Und wenn mich ein Freund fragt, warum er nicht mit mir im Bett fernsehen darf dann sage ich: „Auch wenn ich dich mag, überschreitet das eine Grenze, weil ein anderer Freund sich mir gegenüber sexuell sehr übergriffig verhalten hat und das hat mich traumatisiert“.
Und wenn mich jemand fragt, wie mein Tag war, dann sage ich: „Ich bin aufgewühlt, weil ich gerade aufgeschrieben habe, wie mir ein Freund die Finger in die Vagina gesteckt hat, obwohl ich das nicht wollte“.
Ich habe bemerkt, wie wichtig es ist, dass meine männlichen Freunde verstehen, was uns Frauen passiert und dass diese Erfahrungen nicht verschwinden.
Ich hoffe, die offenkundige Schwere meines Briefes erschlägt Dich nicht, meine liebe Sophie.
Ich bin sehr froh, dass ich es dir auf diesem Weg erzählen konnte.
Hoffentlich hören wir bald von einander.
Von nun an kann ich wieder über Albernheiten und Wahnsinn schreiben und darauf freue ich mich.

Und ich freue mich auf Deinen nächsten Brief.
In Liebe und Freundschaft,
Lena

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