Sophie… Sprache: macht/Macht

Berlin, den 1. Oktober 2021

Liebstes Lenchen,

neulich hatte ich einen ganz besonderen Moment, der mein Leben völlig verändert hat und ich musste dir unbedingt schreiben.

Ich stand vor dem Speiseeisregal und blickte verträumt durch die schmierige Scheibe. Zuerst nur wegen der vielen schönen Sorten, doch schon bald hatte mich ein ganz anderer Gedanke in Trance versetzt und mich meinen Apetitt (Appetit? Appettit? Apeetit?) ganz vergessen lassen. Das vegane, auf Kokosmilch basierte Eis im untersten Fach brachte mich zum grübeln. Nomoo. Immer hatte ich es in meinem Kopf „Nomo“ genannt, wie der Pudding fressende Staubsauger „Nono“ bei den Teletubbies, nur eben mit einem „m“ in der Mitte statt noch einem „n“. Doch jetzt entschloss sich mir endlich der Sinn. „Nomoo“… No Moo… kein Muh. Keine Kuh! Vegan, achso! Der Schalter war umgelegt, überall sah ich nun die tatsächliche Bedeutung der Bezeichnungen von Dingen, die ich vorher einfach nie hinterfragt hatte! Jetzt sah ich sie überall, die unversteckten versteckten Botschaften, die lediglich mein Hirn verbarg wie ein gemeiner, todsicherer Trick.

Leggins. Leg-in’s. Weil man sein BEIN da REIN steckt!

Bifi. Beefy. Fleischig. Fleischwurst.

Andere Dinge werden durch nicht-Aussprechen ihrer Bezeichnungen von der Gesellschaft quasi unsichtbar gemacht, obwohl wir nie auf sie verzichten könnten und doch tun alle so, als wären sie gar nicht da, weil sie einfach nicht in unserem Reden vorkommen!

Wie heißt bitte dieses hintere Nupsidings am Ohrring, ohne den dieser gar nicht am Ohr halten würde? Oder dies Klemm-Teil in dicken Aktenordnern, welches man so runter drückt und zuklippt, damit es wacker einen viel größeren Papierstapel als für den Ordner vorgesehen beieinander hält, als würde es sich JAHRELANG auf einen vollgestopften Koffer setzten! Unbezahlt, ungenannt, namenlos!

Es gibt allerdings auch völlig irreführend gewählte Begriffe, die vermutlich eine abschreckende oder hinterlistige Wirkung haben sollen, was jedoch meistens missglückte. Glühwein oder Vertrauenslehrer.

Aha, Sprache hat also keine Macht ja? Mitnennungen von Dingen (oder meinetwegen auch Menschen) machen überhaupt keinen Unterschied ja?! Aha das sehe ich aber seit neuestem ganz anders!

Die Weiche für ein gänzlich anderes Leben ist jedenfalls unwiderruflich gestellt, ich sehe klar und es gibt kein Zurück. doch auch Angst steigt in mir auf. Werde ich damit wirklich umgehen können? Und mein Umfeld? Ist ganz gewiss nicht so weit zu hören und zu erfassen, was wir tatsächlich sagen und nicht was sie meinen was wir meinen. Das ist viel zu kompliziert, so weit um die Ecke gedacht, dass sich der Kreis quasi schließen würde und niemand mehr Anfang von Ende unterscheiden kann! Wenn ich sage „Der Tag an dem deine Milz riss war der beste meines Lebens“ schreien alle auf und betiteln mich als grausam bis unempathisch, weil sie nicht wie ich verstehen, dass da überhaupt kein kausaler Zusammenhang besteht und ich das auch überhaupt nicht gesagt habe!

Deshalb brauche ich dich als Verbündete liebe Lena, ich weiß, wenn mich jemand verstehen kann, dann du! Bitte sag mir, hat dir Nomoo auch die Augen geöffnet? Siehst auch du Botschaften in Begriffen, die wir längst zu kennen glaubten? Wenn du Angst vor Unterstellungen des Wahns bei abgefangenem Briefe hast, sende ihn mir gerne verschlüsselt zu.

In Hoffnung auf baldige Antwort,

deine Sophie

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