Sophie… Auf der Suche nach Kunst

Berlin, 6. Mai 2021

„Aufstoßen während man sich bückt ist ein Spiel mit dem Feuer“

pussytable.com

Liebste Freundin Lene,

welch schöne Idee, unsere Freundschaft in Briefform wieder intensiver aufleben zu lassen, wenn auch der Zeitpunkt auf Grund der Ereignislosigkeit dieser Tage absurd erscheinen mag.

Mir deucht es gäbe von den Menschen zwei signifikante Varianten mit ebendieser umzugehen…

Es mutet an, eine ist das Betäuben des letzten Restes aller Sinneswahrnehmungen, eine Art Tarnzustand des Seins. Dosen des Schlafs und der Rauschmittel werden erhöht und die an sich bereits selten gewordene Inanspruchnahme des rhetorischen Vermögens wird als gut als möglich von jedweder Reizung abgeschirmt. Der Geist wird in sanfte Trance versetzt, die Funktionalität des Körpers bleibt weitestgehend erhalten, doch enge Angehörige – vorausgesetzt sie verfolgen nicht die selbe Taktik – bemerken den Unterschied sofort.

Eine andere Variante ist im Kern die Kehrseite der zuerst genannten: Das Öffnen jeder Pore des Geistes, die Überspitzung der Sinnhaftigkeit in jedem noch so kleinen Geschehen, die Supernova des Pillepalle und die Krönung von allem Mikroskopischen zum Zentrum der eigenen Bewusstseinsexstase.

Ich weiß nicht, ob manch einer seinen Weg offenen Auges wählt, doch mich fand heute Variante zwei wie der Zauberstab seinen Besitzer und seitdem geistern mir folgende Dinge durch das Zerebrum:

erstens – aufstoßen während man sich bückt ist ein Spiel mit dem Feuer.

Und zweitens: nicht die Frage was Kunst ist (denn diese stellt sich die Menschheit seit eh und je), sondern vielmehr – wer ist Künstlerin und Künstler? Wenn ich doch lediglich Gurken verkaufe, wohlgemerkt die regionalen ohne Pestizide zu immerhin Zweineunundneunzig das Stück und mein häufigster Satz am Tage lautet „darf es noch Brot oder Käse sein?“, wenn ich mir auch heimlich ein verkohltes Kümmelstangen-Ende aus der Auslage in den Mund schiebe, mit dem Rücken zur Kundschaft, hoffend niemand möge meinen würdelosen HACCP-Fauxpas bemerken….

bleibe ich nicht trotzdem Sophie mit Esprit?

Macht erst ein Ergebnis ein Genie?

Bleibe ich Künstlerin ohne Kunst?

Stehe ich trotzdem in jemandes Gunst?

Ideen die keimen

aber nie erblüh’n

Muss ich alles reimen

oder ist das total egal?

So möchte ich mit dir auf die Suche nach Antworten gehen, liebste Lene, in Briefen über Kunst aus einem kunstlosen Leben, werde jeden glanzlosen Winkel meines Alltags durchstöbern und dabei werden wir vielleicht das Unglaubliche erleben:

Die Schöpfung, die keine ist, erschafft die Schöpferin.

Sei gespannt!

Ich freue mich auf deine Zeilen.

In Liebe

Deine Freundin Sophie

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