Lena… Auf der Suche nach Brennereien in Polen

„Ein Feministischer Wodka, der brennt und das Bild der zuckersüßen „Damengetränke“ vertreibt.“

Lena für pussytable.com

Berlin, 7. Mai 2021

Meine liebe Sophie,

Nun liege ich hier auf einem Sofa und schaue durch ein Fenster, hinter dem nichts zu sehen ist. Nur grau und eine Werbetafel, dessen Text ich nicht entzifern kann.
Ich schreibe Dir zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, da in meinem Hirn noch immer die Rauchschwaden der letzten Nacht umherziehen. Nachdenken werde ich wohl erst morgen wieder. Oder werde ich das? In den letzten Monaten scheine ich wenig Gedanken gefasst zu haben, die für meine Mitmenschen eine Relevanz haben könnten.
Vor der Pandemie war mein Leben bestimmt von äußeren Einflüssen, die mein Tun gelenkt haben. Ich musste mich nie darum bemühen, damit mir Aufregendes wiederfuhr, es geschah einfach. Ich hatte nicht das Bedürfnis, in irgendetwas sehr gut zu sein oder intelligent und erhaben über Dinge sprechen zu können. Ich war in einer Spirale der
passiven Einflüsse, die mir alles gaben, um nicht über mich selbst nachdenken zu müssen.
Und nun, in der vollkommenen Lethargie des Alltags, denke ich ständig über mich selbst nach. Leider muss ich feststellen, dass ich für nichts eine brennende Wissbegierde entwickeln kann.
Um dieses Missempfinden zu umgehen, bleibt mir kaum anderes übrig, als das Konstrukt der wirtschaftlichen Produktivität auf mein Tun anzuwenden.
Ich betreibe regelmäßig Sport, lese die Tageszeitung, fahre zur Arbeit, obwohl ich nicht muss. Ich gieße Blumen, wasche Wäsche. Während neben mir ein neuer Trieb wächst und ein Pullover trocknet, vergesse ich, dass ich nichts kann und wenig fühle. Wenn alles um mich herum durch meinen Impuls arbeitet, dann ist das gut.
Selbst beim saufen darf ich nicht entgleiten. Der Alkohol muss in mir arbeiten, bis eine neue Art des Denkens entsteht. Diese kann ich nutzen, um neue Ideen für das Geschäft zu entwickeln.
Ein Feministischer Wodka, der brennt und das Bild der zuckersüßen „Damengetränke“ vertreibt.
Wie wäre das? Zur Zeit bin ich auf der Suche nach Brennereien in Polen.
Welch wirrer Brief, ich werde ihn wohl lieber nicht Korrekturlesen.
Mein nächster Brief wird heiterer, lustiger und weniger ich-bezogen ausfallen, das verspreche ich!
Ich freue mich sehr auf dein Schreiben.
Hofentlich geht es dir gut.
Lena

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